Ist der interessantere Ratgeber als Roman verfasst?

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Blog Freilichttexterei, Gedanken
„Das ist langweilig“, denkt Robert und schleudert das Reklamheft in die Zimmerecke. Kleider machen Leute – „so ein Scheiß!“

Robert sitzt in der Küche und schaltet lieber den Fernseher an, anstatt weiter die Schullektüre zu lesen. Während er sein Schinkenbrot isst, kommt er ins Grübeln und merkt nicht, wie seine Mutter ins Zimmer kommt. Sie hatte schon das Haus verlassen und ist nur zurückgekommen, um ihren vergessenen Handschuh zu holen. Robert? Robert? Rooooooobbbberrrttt?, fragt sie ihren Sohn, der sich allerdings in einer ganz anderen Welt befindet.

Robert verläuft sich regelmäßig in Träumen, die teilweise so echt sind, dass er sich unsicher ist, ob sie wirklich nicht real sind. „Geistesabwesend“, behauptet Frau Dr Korn, wenn er im Unterricht an etwas anderes denkt.

Die Mutter kennt ihren Sohn nicht anders und da Robert nicht reagiert, verlässt sie das Haus. Vor der Haustür schüttelt sie kurz den Kopf. „Weiß Gott, von wem er das hat, von mir jedenfalls nicht“, denkt sie und geht zum Auto. Als sie die Tür öffnet, läuft immer noch das Hörbuch Wie starte ich ein gesünderes Leben. Der Inhalt des zweiten Kapitels ähnelt zwar dem ersten, aber damit sie nichts verpasst, spult sie zur Sicherheit zurück.

Robert sitzt immer noch in der Küche. Seine Augen sind weder geöffnet, noch geschlossen und doch sieht er immer klarer in seinem Kopf. Er ist in seinem Traum eine Ebene tiefer gerutscht und springt von einer Welt in die nächste. Robert hat das Gefühl je tiefer er abtaucht, umso mehr lernt er über sich und die Welt.

Während Robert weiter durch seine Traumwelt reist, rast die Mutter in die Innenstadt. Sie ist spät dran. „Lassen sie sich nicht von Kleinigkeiten stressen, sondern…“, sind die letzten Worte des Hörbuchs bevor Roberts Mutter das Radio ausschaltet. Sie ist gestresst. Passt das Outfit, wie sehen ihre Haare aus, bloß nicht wieder einen Handschuh liegen lassen und den Lippenstift nachziehen. Die Mutter fährt geistesabwesend und merkt nicht, wie sich jemand auf der Rückbank aufrichtet.

Robert hat das Gefühl in einem Alptraum zu sein. Er ist in einer Welt gelandet, dessen Sprache er nicht versteht und sein einziger Vertrauter wird grade hingerichtet. Der Traum quält ihn, doch er kann dem Leid nicht entfliehen. Er weiß, dass es das Gute, nicht ohne das Böse gibt.

Im Rückspiegel ist langsam eine kleine, schwarze Silhouette zu sehen. Die Mutter hat sie noch nicht entdeckt, weil sie zu sehr mit der bevorstehenden Veranstaltung beschäftigt ist. Sie hätte die Silhouette wohl ohnehin nicht erkannt, sondern sich nur erschreckt. Dabei ist das Wesen auf der Rückbank kein Schreckgespenst.

Robert will so langsam keine Gespenster mehr sehen. Er will zurück in die Küche. Zum Schinkenbrot, zum Fernseher. Aber wenn er einmal abgetaucht ist, fällt es ihm schwer die Traumwelt zu verlassen.

Aus der Welt der Träume ist auch der Besucher auf der Rückbank. Langsam kann man das Wesen erkennen. Die Gesichtszüge gleichen der Mutter, aber das Mädchen auf der Rückbank ist wesentlich jünger. Sie wirkt neugierig, schaut mit großen Augen aus dem Fenster. Das Spiegelbild fängt an zu strahlen und man spürt die jugendliche Kreativität, die plötzlich unbemerkt von der Mutter verpufft.

„Spiegelspiel. – Der Versuch, Kreativität dingfest zu machen, mündet in einen unendlichen Regress. In allem Neuen steckt etwas Altes, auf das es aufbaut, das es modifiziert oder von dem es sich absetzt. Je näher man hinschaut, desto vertrauter blickt es zurück.“, lese ich in Kreation und Depression. Es ist das zweite Buch, das ich während meiner Reise lese. Ein Sachbuch über Kunst und Kreativität. Im Gegensatz zum ersten Buch: dem Roman Wo warst Du, Robert?, in dem sich der Protagonist, Robert, durch die Zeitgeschichte träumt.

Ich frage mich, ob Romane, die interessanteren Sachbücher sind, weil sie Sachverhalte und Botschaften als spannende Geschichte erzählen.

Das Problem: um die Botschaften zu verstehen, muss man die Geschichte interpretieren. Mit Grauen erinnere ich mich an den Deutschunterricht und die Interpretationshilfen für die Klassiker des Schulunterrichts zurück. Warum können Dichter und Denker ihre Gedanken nicht einfach sachlich formulieren?

Vermutlich weil Sachlichkeit auch nicht zu mehr Verständnis führt. Im Matheunterricht war zwar alles logisch und sachlich, aber mein bester Mathelehrer hat die Theorie anhand praktischer Beispiele erläutert.

Die Wahrheit liegt wohl wie so häufig in der Mitte und man kann sich als Leser nur wünschen, dass ein Autor das richtige Mittelmaß findet, um seine Gedanken zu vermitteln.

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